Wenn wir in unsere Gesellschaft, in die Politik, in die Welt blicken, dann kann einem angst und bange werden. Auf der einen Seite erleben wir täglich das große Ganze- auf der anderen Seite stehen wir in unserem Alltag. Tag für Tag gestalten wir unser Leben. Manche sind müde oder verängstigt. Andere trifft Unsicherheit und finanzielle Not. Wieder andere brauchen sich im Grunde keine Sorgen machen, es geht ihnen einfach gut. Die Frage, wo „das alles“ enden soll, die können wir nicht beantworten. Aber wir können und sollen uns täglich dem stellen, was vor uns persönlich liegt. Vieles haben wir in der Hand- auch unsere Haltung zu dem, was in der Welt passiert.
Zum einen: bleiben wir kritisch gegenüber der KI, dem Internet, den sozialen Medien. Ich finde es gut, dass Papst Leo XIV sich öffentlich zu KI geäußert hat. Auch wenn ich schon wieder das Gegrummel höre: ‚die Kirche soll sich nicht um solche Sachen kümmern.‘ Meine Gegenfrage: wenn wir uns um Menschen sorgen als Kirche, dann müssen wir auch das benennen, was Menschen schaden könnte. Wir sind als Kirche nicht ewig gestrig, nur weil wir kritisch sind. Denn es besteht kein Zweifel daran, dass KI, das Internet etc. in manchen Bereichen sehr hilfreich sind und dem Menschen dienen.
Dennoch darf es nicht sein, dass all diese Techniken den Menschen und seine menschliche Expertise und Empathie ersetzen. Es darf nicht sein, dass Menschen manipuliert und betrogen werden.
UND: denken wir eigentlich daran, welche Leute daran interessiert sind, mit KI sehr viel Geld zu machen? Was noch schlimmer ist: sie sind nicht nur an Geld, sondern auch an Macht interessiert. Geld nimmt viel Einfluss auf die Politik, das sollten wir verstanden haben. Also: sehr kritisch bleiben. Unsere Kinder zum analogen Leben ermutigen! Beziehungen pflegen außerhalb des Netzes. Ja, es ist nicht leicht, gute Beziehungen und Freunde, verlässliche Bekannte zu finden. Aber die Flucht ins Netz, in künstliche Welten- sie bleibt gefährlich.
Zum anderen: wir haben es in der Hand, ob wir eine Liste führen, die mit Dankbarkeit gefüllt ist. Was haben wir schon alles haben dürfen, erleben dürfen? Was war gut? Jede Kleinigkeit zählt. Dankbarkeit muss geübt werden. Sie erfüllt uns und stärkt uns den Rücken.
Eine 11jährige erzählte mir von einer „Bucket-List“ der anderen Art: wir sollen nicht aufschreiben, was wir noch alles erleben wollen, sondern aufschreiben, was wir schon alles bekommen haben im Leben. Da geht es nicht um große Events, sondern um viel Menschliches, was gut war. Danke für die netten Nachbarn. Danke für freundliche Menschen an der Kasse im Supermarkt, unterwegs, im alltäglichen Miteinander und so weiter.
Zum Dritten: wir haben es in der Hand, ob wir verhärten aus Angst. Aus Angst, dass uns jemand etwas wegnimmt. Ein Beispiel: die Migrantinnen und Migranten. Dass dies geregelt werden muss- keine Frage. Auch hier ist der kritische Blick gefragt. Aber wir müssen uns auch der Frage stellen, ob Angst uns nicht gnadenlos macht. Denn: wir sind global miteinander verbunden. Unsere Wirtschaft lebt auch davon und damit auch wir, dass es sogenannte Billiglohn-Länder gibt. Menschen arbeiten unter unwürdigen Bedingungen, damit wir hier Wohlstand haben. Damit wir im Überfluss einkaufen können. Handelslieferketten sollen wieder weichen. Unmenschlichkeit herrscht u.a. wenn es um seltene Erden geht, die wir für unseren grenzenlosen Handy-Konsum brauchen. Der Klima-Wandel, den wir mit verursachen und unter dem ärmere Länder leiden.
Ja, hier sind wir global verbunden.
Aber plötzlich fühlt sich niemand mehr verbunden, wenn Menschen zu uns kommen, die „nur“ Frieden und ein geregeltes Leben für sich suchen und die ihre Kinder zur Schule schicken wollen. Nur rausholen, was nützt ohne Rücksicht auf Verluste und auf das Klima- aber dann die Augen vor den Konsequenzen verschließen und Menschen wegsperren, als seien sie keine menschlichen Wesen: das dürfen wir als Christen nicht gutheißen. Und ja: schnelle Lösungen haben wir keine!
Wer das verkündet, ist entweder naiv oder lügt.
Aber wir haben es in der Hand: zuversichtlich zu bleiben, bereit zum Nachdenken zu bleiben. Wir haben es in der Hand, mitzumachen und uns einzubringen. Wir haben es in der Hand, uns ehrlich zu machen und gut zu überlegen- jeder und jede!- ob wir unsere Pfründe nicht aus dem sprichwörtlichen Futterneid heraus verteidigen. Und ob wir dabei nicht sehen wollen, dass mitten unter uns Menschen sind, bei denen es nicht um den nächsten Urlaub geht, sondern darum, das Monatsende finanziell noch zu schaffen. Ganz ehrlich: wo verteidige ich meine Pfründe und wo hab ich allen Grund, über meinen Mangel zu klagen?
Es ist billig und gefährlich, unsere gesellschaftlichen Probleme auf die Migrantinnen und Migranten zu schieben. Denjenigen, die hier das eigentliche Problem verschleiern und Sündenböcke von außen suchen, denen empfehle ich einen Krankenhausaufenthalt. Und hier spätestens erkennen wir, wer uns pflegt, begleitet, medizinisch versorgt: Das sind oftmals Menschen aus anderen Ländern, denen wir sehr dankbar sein sollten.
Wo soll das alles noch enden?
Das ist nicht unsere Frage. Das ist eine gefährliche Frage, denn sie ist abstrakt und weist von uns weg. Die da oben! Diese Welt! Solche Ausrufungszeichen vernebeln, dass wir eine Pflicht haben. Die Pflicht, als Christen zu fragen: wo wollen wir als Christen hin? Was können wir tun? Welche Wege weist uns Jesus Christus? Bleiben wir wachsam und kritisch- und bewahren wir uns in jedem Fall ein offenes Herz, das erfüllt ist mit Zuversicht und genug Anteilnahme, dass wir einander unterstützen, da wo es nötig ist! Bewahren wir uns ein Herz, das wieder dankbar ist für alles, was wir haben!
Gabriele Heuß
